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Flatrates – wie konsumieren wir zukünftig Inhalte?

FlatratesSpotify, Netflix, 24Symbols – immer mehr Anbieter bringen sich in Stellung. Kein Tag ohne Meldungen über Portfolioausweitungen, Markteintritte, neue Serien, kluges Nutzerdatenhandling. Flat allenthalben. Liegt hier die Zukunft der Mediennutzung?

In der Vergangenheit war Konsum mit Besitz verknüpft – mit Ausnahme von Bibliotheken, Büchereien (die aber bewusst einen Bildungsauftrag hatten), später dann ersten Videotheken oder seltsamen Erfindungen wie der Rundfunkbeitrag der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten. Ansonsten galt die Regel: erst kaufen, dann konsumieren, und zwar immer auf der Ebene eines einzelnen Produkts, das ja dezidiert erstellt werden musste.
In Zeiten digital verlustlos unendlich vervielfältigbarer Produkte mit marginalen Grenzkosten stellt sich die Frage, ob diese tradierten Einzelprodukt-Nutzungsmodelle überhaupt noch zeitgemäß sind. Skurril mutet da schon die Diskussion darüber an, dass ein bildungsbürgerisches Herzeigen der eigenen Medienauswahl nun nicht mehr möglich sei – was ein wenig an die ersten, respektheischenden mitteleuropäischen Burgbesitzerbibliotheken erinnert, die meist einen an zwei Händen abzählbaren Bestand an Literatur hatten (und eines davon war immer die Bibel).

Aber dies sind Schein-Diskussionen angesichts der Frage, wie wir zukünftig Medien konsumieren werden. Und die Frage, wie umfassend diese digitalen Flatrates sein werden, ob „All you can hear/read/etcpp“ wirklich „All“ ist. Eher unwahrscheinlich angesichts der unendlich erscheinenden Menge an digital vorhandenen Inhalten, für deren exponentielles Mengenwachstum das Moorsche Gesetz vermutlich gar nicht ausreicht.

Nicht weiter dramatisch: Verknappung kennen wir aus der physischen Distribution schon immer, sei es im Buchhandel oder in den CD-Abteilungen der Elektromärkte (liebe Kinder: früher gab es ähnlich dem Buchhandel reine Schallplattenläden, in denen es nur diese gab – kaum mehr vorstellbar). Dieses eingeschränkte Angebot sollte durch die unendlichen digitalen Regalmeter ersetzt werden, angesichts der Diskussion um den „Long Tail“ und die sich selbst kumulierende Sichtbarkeit der Block Buster erscheint aber auch das fraglich. Denn die Mission der Flatrate-Betreiber ist nicht, alles sicht- und konsumierbar zu machen, sondern Gewinne zu generieren. Körperlose Datei hin oder her – es ist betriebswirtschaftlich schlicht nicht möglich, jedweden Content anzubieten, auch Flatrates werden immer nur eine Auswahl der vorhandenen Gesamtmenge sein können. Aber selbst davon sind diese noch weit entfernt, wenn 24Symbols jetzt den deutschen E-Book-Markt mit „mehr als 200.000 eBooks, darunter mehr als 100.000 Titel in deutscher Sprache“ betritt ist dies vorsichtig ausgedrückt noch überschaubar.

Andererseits stellt sich die Frage, ob dies aus Konsumentensicht wirklich ein Manko wäre, so lange das Angebot wenigstens halbwegs umfassend erscheint. Und ein Vorteil überwiegt, der schon immer Triebmotor war: die eigene Bequemlichkeit und ein vernünftiges Preis-/Leistungsverhältnis. Wer nach einer Weile eifrigen Durchtestens etwa der Film-Flatrates wie Netflix, Watchever oder Amazon Prime Instant Video den größten gemeinsamen Nenner gefunden hat (Netflix mit den coolsten eigenen Serien, Watchever wegen der Download-Möglichkeit oder Amazon wegen des Bundle-Preis mit Prime), der bleibt dann dabei. Weil es eben so bequem ist. Ein Prinzip, dass ein Einzelhändler wie Amazon im Bereich E-Commerce schon lange zur Königsdisziplin erhoben hat.

Wie aber wird sich der Markt entwickeln? Nun muss man nicht den guten alten Marx und seinen Zentralisationsprozess des Kapitals oder den Monopolkapitalismus von Baran und Sweezy geschweige denn JK Galbraith bemühen – es dürfte mit bloßem Auge sichtbar sein, dass es hier zu einem Konzentrationsprozess kommen wird, der etwa in Deutschland einer (kleinen) Handvoll an Medienflat-Anbietern eine marktbeherrschende Rolle zukommen lässt. Momentan mag dies noch nicht sichtbar sein, da gefühlt allenthalben neue Anbieter auftauchen. Allerdings liegt dies auch daran, dass sich diese oft erst auf bestimmte Produktarten konzentrieren, etwa Musik, Film oder E-Books. Aber bei den ersten aktuellen Bestrebungen, diese künstlichen Produktgrenzen zu sprengen, etwa wenn Spotify Videostreaming anbieten möchte, zeigt sich schon der zukünftige Weg: jedwede digitale Medienform auf der eigenen Plattform zu konzentrieren, um umfassende Nutzerdaten zu generieren und diesen nicht an andere Anbieter zu verlieren.

Wer hier letzten Endes das Rennen machen wird? Darüber lässt sich derzeit nicht einmal halbwegs seriös spekulieren. Und ob es überhaupt Flatrates sein werden ist auch nicht ausgemacht – aber höchst wahrscheinlich, schon aufgrund der Bequemlichkeitskompatibilität des Angebots.

Zumindest wäre es eine klare Empfehlung für jedweden Content-Anbieter, sich auf diese Entwicklung einzustellen. Und mehr denn je auch eine Aufforderung für all jene, die aus dem Angebotsraster fallen werden, sich Gedanken über alternative Zugänge zu Nutzern zu machen, abseits der „Big Flats“. Vielleicht splittet sich der Medienkonsum auch in wenige große Plattformen, die aber dennoch genug Raum für kleine vertikale Nischennetzwerke bieten, Mini-Flats, kompetent inhaltlich kuratiert und mit Netzwerkeffekten arbeitend. Jedenfalls gehört die Flatrate-Nutzung in jedes strategische Zukunftsszenario von Inhalte-Anbietern. Wegschauen hilft nicht.

Teaserbild: Wesley Fryer. Drive Thru: All You Can Eat

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